Wir zeichnen heute Berlins Soziale Unternehmen 2026 aus.
Als Jurymitglied hatte ich in den letzten Wochen die Freude, viele Einreichungen zu lesen. Und ich kann ehrlich sagen: Was hier in Berlin entsteht, ist einfach Weltklasse. Was wir bei unserer Auswertung gesehen haben, ist eine Generation sozialer Unternehmen, die technologisch, organisatorisch und kulturell ganz vorne mitspielt.
Unternehmen, die nicht nur Apps bauen oder Prozesse optimieren, sondern langfristig die Infrastruktur für gesellschaftlichen Wandel gestalten.
Und genau deshalb ist dieser Preis heute so wichtig.
Lange Zeit wurde über soziale Unternehmen gesprochen, als müssten sie sich entscheiden: Zwischen Impact oder Skalierung, zwischen Haltung oder Wachstum, zwischen Technologie oder Gemeinwohl.
Die Unternehmen, die wir heute auszeichnen, beweisen das Gegenteil. Sie denken längst außerhalb dieser veralteten Kategorien.
Sie zeigen, dass dort, wo soziale Verantwortung, digitale Souveränität und Unternehmergeist zusammenkommen, die wahren Innovationen unserer Zeit entstehen. Und dann muss man sich auch nicht entscheiden für irgendeine Schublade. Für irgendein Entweder-Oder, das in Wahrheit völlig unnötig ist.
Und genau das heißt für mich dann: Ich wünsche mir, dass wir diese Kategorie „Sozialunternehmen“ nicht mehr brauchen, weil hoffentlich schon bald die Art des Wirtschaftens, die soziale Unternehmen heute auszeichnen, zum verbindlichen Standard für alle Wirtschaftsakteure werden wird: Produktion und Vertrieb innerhalb planetarer Grenzen, Geschäftsmodelle, die den Bedürfnissen von Menschen, Tieren und natürlichen Ökosystemen gerecht werden und insgesamt eine Art von Konsum, die uns nicht krank macht, die uns nicht isoliert, sondern uns und unsere Gemeinschaften stärkt.
Wie das gehen kann, zeigen diese Unternehmen heute. Dabei spielt auch die Digitalisierung eine wesentliche Rolle.
Wir leben in einer Zeit, in der digitale Infrastruktur über demokratische Teilhabe entscheidet. Über Zugang zu Arbeit, Bildung, Öffentlichkeit und Sicherheit.
Lange hat uns die Frage beschäftigt, welche Technologien wir nutzen sollten. In den letzten Jahren hat sich diese Frage grundlegend gewandelt. Wenn es jetzt um die Nutzung von Technologie geht, fragen wir uns: Wem gehört sie? Wer kontrolliert sie? Nach welchen Werten wird sie entwickelt?
In Berlin gibt es immer mehr Unternehmen, die ihre eigenen Antworten auf diese Fragen liefern:
Da sind Unternehmen wie 101Lab oder WeChange, die Sozialunternehmen helfen, ihre technologischen Standards auf europäische Sicherheitsbedürfnisse umzustellen und unabhängiger von Big Tech zu werden. Denn wer seine Kommunikation, seine Daten und seine organisatorische Infrastruktur vollständig an globale Plattformkonzerne auslagert, verliert Handlungsspielräume.
Und soziale Unternehmen verstehen das oft früher als andere. Sie denken Technologie nicht nur als Effizienzmaschine, sondern als gesellschaftliche Infrastruktur.
Andere Beispiele sind die Suchmaschine Ecosia mit Sitz in Berlin. Das 2009 gegründete Social Business hat über 200 Millionen Bäume in mehr als 35 Ländern finanziert, schützt die Privatsphäre der Nutzer und betreibt seine Server mit erneuerbaren Energien. Ecosia war einer der Preisträger dieses Wettbewerbs im Jahr 2022.
Oder die Smart Genossenschaft hier in Berlin, ebenfalls eine Preisträgerin aus dem Jahr 2022. Bis heute ist das Team um Magdalena Ziomek und Alicja Möltner eines der spannendsten Beispiele dafür, wie radikal erneuernd und erfolgreich soziale Innovation sein kann. Smart bietet ganz konkrete Lösungen, um die Arbeitsbedingungen von Freelancer:innen zu verbessern – auf Basis ihrer eigenen, digitalen Infrastruktur.
Diese Beispiele, die für zahlreiche weitere Sozialunternehmen in Berlin stehen, nutzen Technologie, um unsere Gesellschaft gerechter, widerstandsfähiger und demokratischer zu machen. So wird die Digitalisierung zum Ausgangspunkt für eine Infrastruktur des Wandels.
Und – wer gut ist im Digitalisieren, hat auch Kontrolle über die eigenen Daten, baut kollektive Intelligenz auf, hält Wissen im eigenen Ökosystem anstatt es an Big Tech-Datenkraken Big Tech zu verfüttern. Denn Wissen ist Kapital. Daten sind Infrastruktur. Und digitale Souveränität ist längst eine soziale Frage geworden.
A propos Daten: Uns als Jury hat natürlich auch beschäftigt, wie wir eigentlich Wirkung messen.
Wie misst man den Erfolg eines Sozialunternehmens?
Wie misst man Transformation?
Wie misst man gesellschaftliche Resilienz?
Reicht dafür noch das BIP? Reichen die SDGs?
Welche neuen Formen haben wir, um gesellschaftlichen Wert sichtbar zu machen?
Viele der Unternehmen hier im Raum verfassen ihre eigenen Wirkungslogiken und Wirkungsberichte.
Da findet man dann nicht nur Zahlen, sondern Beobachtungen realer Veränderungen.
Sie schauen darauf, ob Menschen handlungsfähiger werden, ob Communities entstehen, Teilhabe wächst oder Wissen geteilt wird. Ob ökologische und soziale Stabilität entsteht.
Wir brauchen in Zukunft mehr als nur Profitabilität. Wir brauchen: Wirksamkeit. Innovation. Und wirtschaftliche Resilienz.
Gerade jetzt.
Denn soziale Unternehmen stehen unter enormem Druck.
Leere öffentliche Kassen, massive Konkurrenz auf internationalen Märkten, steigende Kosten und unsichere Finanzierungen.
Deshalb brauchen soziale Unternehmen jetzt vor allem eines:
Verbündete.
Eine Politik, die versteht, dass soziale Innovation echte Innovationspolitik ist.
Verwaltungen, die mutiger beschaffen.
Investierende, die langfristiger denken.
Öffentliche Förderungen, die Kooperation statt Konkurrenz stärken.
Und eine Gesellschaft, die erkennt, dass diese Unternehmen keine Randerscheinung sind — sondern zentrale Akteure der Transformation.
Und deshalb möchte ich Sie heute alle bitten:
Sorgen wir dafür, dass diese Unternehmen nicht permanent gegen das System arbeiten müssen, während sie gleichzeitig versuchen, es besser zu machen.
Geben wir ihnen die Infrastruktur, die Finanzierung, die Sichtbarkeit und die politischen Räume, die sie brauchen.
Denn die zukunftsfähige Wirtschaft, nach der wir heute Ausschau halten, wird nicht in den Unternehmenszentralen im Silicon Valley entschieden.
Sie entsteht an Orten wie hier.
In Berlin.
Auf diesem Festival.
In Genossenschaften.
In Sozialunternehmen.
In Communities.
Und in den Ideen der Menschen, die heute hier ausgezeichnet werden.
Vielen Dank.


