Europa steht vor einer tiefgreifenden Transformation. In den kommenden Jahren suchen hunderttausende kleine und mittlere Unternehmen eine Nachfolge. Etliche dieser Betriebe sind wirtschaftlich gesund und lokal verankert. Dennoch besteht die Möglichkeit, dass sie in der Übergabephase verkauft oder in renditegetriebene Strukturen überführt werden.
Wir bei Platform Coops eG beobachten schon länger ein wachsendes Interesse an demokratischen Eigentumsformen, etwa an Workers’ Buyouts und an anderen Nachfolge-und Beteiligungsmodellen, die Unternehmen langfristig in verantwortungsvolle Hände bringen. Vor diesem Hintergrund haben wir am 26.02.2026 zu einem Online-Workshop eingeladen, um das Modell des Euro-ESOP zu diskutieren. Euro-ESOP bezeichnet eine europäische Weiterentwicklung des bekannten ESOP-Ansatzes (Employee Stock Ownership Plan). Zu Gast war Dr. Jerome Warren, Direktor des Institut für Unternehmensdemokratie IfU, das im vergangenen Jahr gegründet wurde und dessen Mitgründerin auch die Platform Coops eG ist. Eingeleitet wurde der Workshop von Claudia Henke, die das Thema in einen größeren politischen und wirtschaftlichen Kontext stellte: Unternehmensnachfolge, Workers’ Buyouts und die Suche nach tragfähigen europäischen Modellen für demokratisches Eigentum.
Wie funktioniert das ESOP-Modell?
Das klassische ESOP-Modell stammt aus den USA. Dort dient es seit Jahrzehnten als Instrument, um Mitarbeitende schrittweise am Unternehmenskapital zu beteiligen, häufig finanziert über Kredite, die aus künftigen Gewinnen zurückgezahlt werden. Eigentum wird kollektiv über eine Treuhandstruktur gehalten, die Belegschaft partizipiert indirekt am Unternehmenswert. In Europa jedoch greifen viele der US-amerikanischen Rahmenbedingungen nicht ohne Weiteres. Rechtliche Strukturen, Finanzierungslogik und Steuerfragen unterscheiden sich erheblich. Ein Euro-ESOP versucht daher, das Grundprinzip, nämlich kollektive Mitarbeiterbeteiligung am Unternehmenswert, in eine europäische Architektur zu übersetzen.
Besonders spannend wird das Modell im Kontext von Workers’ Buyouts. Wenn Mitarbeitende ein Unternehmen übernehmen, stellt sich immer die Frage, wie der Kaufpreis finanziert werden kann. Und selbst, wenn dieser Punkt geklärt sein sollte, geht es dann darum, das Eigentum auch fair zu verteilen. Wie verhindert man, dass aus einem demokratischen Anspruch am Ende doch wieder eine Hierarchisierung durch Kapitalanteile entsteht?
Hier verspricht ein Euro-ESOP eine strukturierte Lösung: Die Belegschaft beteiligt sich kollektiv, die Finanzierung erfolgt über zukünftige Erträge und die Eigentumsübertragung geschieht schrittweise. In der Theorie klingt das wie ein Brückenschlag zwischen Marktmechanismus und demokratischer Kontrolle. Doch genau an diesem Punkt begann im Workshop die eigentliche Diskussion. Denn zwischen Modell und Praxis liegt ein weiter Weg.
Offene Fragen
Eine der ersten Fragen betrifft die Finanzierung. Wer trägt das Risiko, wenn Kredite aufgenommen werden, um ein Unternehmen zu kaufen? Welche Sicherheiten können Mitarbeitende realistisch bieten? Was geschieht in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, wenn Gewinne ausbleiben und Tilgungspläne ins Wanken geraten? Gerade Genossenschaften, die häufig nicht auf klassische Sicherheiten und hohe Eigenkapitalquoten zurückgreifen können, stehen hier vor strukturellen Herausforderungen. Ein Euro-ESOP ist kein Selbstläufer; er setzt eine belastbare Finanzierungsarchitektur voraus.
Eng damit verbunden ist die Frage nach Governance und Entscheidungsrechten. Eigentum und Mitbestimmung sind nicht identisch. Auch in einem Mitarbeiterbeteiligungsmodell kann operative Macht konzentriert bleiben oder informelle Hierarchien fortbestehen. Wer erhält Stimmrechte? Sind alle Mitarbeitenden automatisch beteiligt oder freiwillig? Was geschieht bei Ein- und Austritt? Und wie lässt sich verhindern, dass Kapitalanteile zur neuen Grundlage interner Ungleichheit werden? Gerade für Genossenschaften, die bereits über demokratische Entscheidungsstrukturen verfügen, stellt sich die Frage, wie ein Euro-ESOP integriert werden kann, ohne bestehende Prinzipien zu unterlaufen oder sie unnötig kompliziert zu machen.
Hinzu kommen Bewertungsfragen. Wie wird der Unternehmenswert festgelegt? Wer definiert den Preis im Falle einer Nachfolge? Und wie verhindert man spekulative Dynamiken innerhalb eines Modells, das eigentlich auf langfristige Stabilität zielt? In Diskussionen um gebundenes Verantwortungseigentum – eine Rechtsform, die derzeit politisch verhandelt wird – steht genau diese Entkopplung von spekulativer Verwertungslogik im Zentrum. Ein Euro-ESOP bewegt sich hier in einem Spannungsfeld: Er operiert weiterhin mit Wert und Kapitalisierung, versucht aber, diese in kollektive Strukturen einzubetten.
Ein weiterer Aspekt, der im Workshop deutlich wurde, betrifft die administrative und rechtliche Komplexität. Lässt sich ein Euro-ESOP direkt in eine bestehende Genossenschaft integrieren? Oder braucht es eine parallele Beteiligungsgesellschaft? Welche steuerlichen Konsequenzen ergeben sich? Wie hoch ist der Verwaltungsaufwand? Viele dieser Fragen sind nicht abschließend geklärt, zumindest nicht für alle europäischen Rechtsräume. Das Modell bietet einen Rahmen, aber seine konkrete Ausgestaltung bleibt kontextabhängig.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Workshops war jedoch eine kulturelle. Formale Beteiligung allein schafft noch keine Unternehmensdemokratie. Eigentum ist eine strukturelle Dimension, doch demokratische Praxis entsteht erst durch transparente Entscheidungsprozesse, Bildung, Kompetenzaufbau und eine geteilte Verantwortungskultur. Das Institut für Unternehmensdemokratie verortet sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen rechtlicher Konstruktion und gelebter demokratischer Unternehmensführung.
Der Workshop erwies sich daher als ein kollektiver Denkraum, in dem Potenziale und Grenzen gleichermaßen sichtbar wurden. Ein Euro-ESOP kann ein kraftvolles Instrument sein, insbesondere in Nachfolgesituationen, in denen Mitarbeitende Verantwortung übernehmen wollen und Kapitalstrukturen neu geordnet werden müssen. Gleichzeitig ist es kein Plug-and-Play-Modell, insbesondere nicht für Genossenschaften, die bereits eigene demokratische und wirtschaftliche Logiken entwickelt haben.
Für uns als Platform Coops eG stellt sich nun die weiterführende Frage: Welche Rolle können wir in dieser Debatte spielen? Braucht es Pilotprojekte, um Erfahrungen im europäischen Kontext zu sammeln? Wie lassen sich Modelle wie Euro-ESOP mit anderen Ansätzen, etwa dem Verantwortungseigentum, produktiv verschränken? Welche Formen der begleitenden Beratung und Finanzierung benötigt die Umsetzung des Modells?
Die Nachfolgekrise in Europa wird nicht von selbst verschwinden. Wenn es gelingt, Instrumente wie Euro-ESOP sorgfältig weiterzuentwickeln und mit kooperativen Prinzipien zu verbinden, könnte daraus ein Baustein für eine demokratische Wirtschaftsordnung entstehen. Entscheidend wird sein, ob wir die operative Komplexität ernst nehmen und ob wir den Mut haben, Modelle nicht nur zu diskutieren, sondern in der Praxis zu erproben.
Hier geht es zur Dokumentation des Workshops, inkl. Präsentation, Video und Chatprotokoll: https://nextcloud.platformcoop.de/index.php/s/XgT9nftCr4eaAtF


