Im Juni und Juli dieses Jahres hatten wir die Gelegenheit, gleich zweimal über die Frage zu sprechen, wie Künstliche Intelligenz genossenschaftlich organisiert und gestaltet werden kann: Zunächst beim wunderbaren Perspectives-Festival unserer Freund:innen der oose eG in Hamburg und dann im Rahmen der AI For Good – Konferenz der United Nations in Genf. Zwei sehr unterschiedliche Kontexte, aber dieselbe zentrale Frage: Was wäre, wenn KI-Infrastrukturen nicht länger ausschließlich von wenigen großen Unternehmen betrieben und kontrolliert würden, sondern von kleinen, miteinander vernetzten Gemeinschaften? Was könnte entstehen, wenn Menschen gemeinsam Verantwortung für die Technologien übernehmen, die unsere digitale Zukunft prägen?
Hier kommt der Vortrag in Form eines Artikels, für alle zum Nachlesen:
Selbst wenn wir einen Düsenjet im Garten stehen hätten statt eines Fahrrads: wohl niemand von uns käme auf die Idee, den Flieger zu starten und einmal um den Globus zu fliegen, um Brötchen vom Bäcker nebenan zu holen. Genau das tun wir aber im metaphorischen Sinn in der Art und Weise, wie wir Künstliche Intelligenz nutzen.
Für simple Aufgaben wie etwa das Strukturieren einer Powerpoint-Präsentation, die wir bis vor Kurzem noch selbst erledigt haben, sprechen wir eines der komplexesten technischen Systeme an, die jemals gebaut wurden. Basierend auf Milliarden von Parametern, trainiert mit gigantischen Datenmengen, betrieben in globalen Rechenzentren, deren Energiebedarf den einer mittelgroßen Stadt übersteigt. Der technische Aufwand hinter einem einzigen Prompt steht in keinem Verhältnis zur Komplexität der Aufgabe, die wir ihm stellen.
Egal, ob wir Texte gliedern oder unsere Rechtschreibung kontrollieren lassen: Wir merken nichts von der gewaltigen Maschinerie im Hintergrund. Der Prompt verschwindet in einer Eingabemaske, wenige Sekunden später erscheint eine Antwort. Zwischen unserer Handlung und ihren Folgen liegt eine Infrastruktur, die für uns unsichtbar bleibt. Stromnetze, Kühlanlagen, Glasfaserkabel, spezielle Chips, Wasserverbrauch, Lieferketten – Diese Entkopplung von menschlichem Handeln und systemischer Auswirkung sucht historisch betrachtet ihresgleichen. Wir prompten, als gäbe es kein Morgen.
Die Konsequenzen unseres digitalen Handelns liegen weitgehend im Dunkeln. Wer ist in der Lage, die Infrastruktur-und Ressourcenkosten aufzuschlüsseln, die entstehen, wenn wir mal eben “Chatty” fragen, ob am Sonntag Grillwetter sein wird? Wir tun das, weil wir’s können.
Weil die ständige Verfügbarkeit generativer KI innerhalb weniger Jahre eine neue Kulturtechnik hervorgebracht hat – eine Praxis, die sich irgendwo zwischen maximaler Bequemlichkeit und der Auslagerung des Denkens bewegt. Gibt es dafür eigentlich schon ein Wort?
Wir sprechen viel über die neue Effizienz, die uns die Künstliche Intelligenz bringt. Kaum jemand stellt die Frage, wie viel KI eigentlich genug ist. Nicht jeder Task braucht das größte verfügbare Sprachmodell, ebenso rechtfertigt nicht jede Denkaufgabe den Einsatz einer globalen KI-Infrastruktur. In kurzer Zeit haben wir uns angewöhnt, für alltägliche Verrichtungen die stärksten Werkzeuge einzusetzen, die uns zur Verfügung stehen. So, als würden wir jede Schraube mit einem Presslufthammer eindrehen oder mit dem oben zitierten Düsenjet zum Brötchenholen fliegen.
Was bei der ganzen Euphorie über Künstliche Intelligenz oft vergessen wird: Die Infrastruktur, die wir heute ganz selbstverständlich nutzen, gehört uns nicht. Sie wird von einer Handvoll Unternehmen betrieben und kontrolliert. Die Geschichte des Internets zeigt, wie solche Entwicklungen verlaufen. Dienste sind anfangs kostenlos, wachsen schnell, werden unverzichtbar und verschwinden anschließend hinter Bezahlschranken. Oder sie bleiben kostenlos, weil nicht mehr wir die Kundinnen sind, sondern unsere Daten und unser Verhalten das eigentliche Produkt.
Es spricht wenig dafür, dass sich dieser Zyklus bei großen Sprachmodellen nicht wiederholen wird. Das heißt dann: Es werden sich schon bald deutlich weniger Menschen den Luxus einer unbeschränkten KI-Nutzung leisten können. Für alle anderen heißt es dann: Kraft und eigenes Denken in Alternativen investieren. Wobei die Alternative nicht der Verzicht auf KI ist, sondern die Entwicklung einer besser organisierten KI. Eine, deren Infrastruktur offen, dezentral und gemeinschaftlich organisiert ist, statt von wenigen Unternehmen kontrolliert zu werden.
Diese Entwicklung ist jetzt schon sichtbar: kleine, spezialisierte Sprachmodelle, die lokal betrieben, miteinander vernetzt sind und selbst verwaltet werden können. Technisch ist das heute keine Zukunftsmusik mehr. Open-Source-Modelle wie Llama, Mistral, Gemma oder Phi können bereits lokal auf eigener Hardware oder in privaten Infrastrukturen betrieben werden. Werkzeuge wie Ollama, Open WebUI oder LocalAI machen es möglich, eigene KI-Umgebungen aufzusetzen, ohne von einem zentralen Cloud-Anbieter abhängig zu sein. Damit entstehen neue Möglichkeiten für Communities, Unternehmen oder auch Verwaltungen, ihre eigene KI-Infrastrukturen aufzubauen.
Die Idee ist dabei nicht, ein einziges riesiges Modell zu kopieren, sondern ein Netzwerk spezialisierter KI-Agenten zu schaffen. Ein Agent für juristische Fragen, einer für medizinisches Wissen, einer für lokale Verwaltungsdaten oder einer für interne Unternehmensprozesse kann jeweils seine eigene Expertise einbringen. Über offene Schnittstellen wie MCP können diese Systeme miteinander kommunizieren und gemeinsam Aufgaben lösen.
Auch organisatorisch eröffnet dieser Ansatz neue Perspektiven: Gemeinschaften könnten Rechenleistung und Infrastruktur teilen. Dadurch könnten Mitglieder gemeinsam entscheiden, welche Modelle eingesetzt und nach welchen Regeln die Systeme weiterentwickelt werden.
Die Kosten dafür sind heute überschaubarer, als viele vermuten. Je nach Anwendungsfall können lokale KI-Systeme auf vorhandener Hardware oder gemeinschaftlich betriebenen Rechenkapazitäten laufen. Investitionen entstehen vor allem für Hardware, Wartung, Administration und Weiterentwicklung.
Hierin liegt im Kern das, was wir als Digitale Souveränität bezeichnen: die Fähigkeit, selbst zu entscheiden, welche Technologien wir nutzen und wie sie funktionieren sollen.
Damit verbunden ist auch die Frage, wem die Technologie langfristig dient. Oder wie groß das Bedürfnis nach Datensicherheit ist. Lokale Sprachmodelle und kollektiv betriebene KI-Netzwerke könnten den Weg ebnen in eine Form der Selbstbestimmung, die wir bereits schon von Genossenschaften kennen: gemeinsam Produktionsmittel besitzen, Nutzungsregeln demokratisch gestalten sowie Verantwortung, Kosten und Erträge teilen.
Vor mehr als 200 Jahren entstanden Genossenschaften als Antwort auf die Herausforderungen des industriellen Kapitalismus. Heute stehen wir erneut an einem solchen Wendepunkt. Diesmal geht es nicht um Molkereien, Einkaufsgenossenschaften oder Landwirtschaftskredite. Es geht um die digitale Infrastruktur, auf der unsere Gesellschaft künftig aufbaut.
Wenn Ihr mehr erfahren wollt über Digitale Souveränität und was Ihr als Unternehmen tun könnt, um digital selbstbestimmt zu werden, könnt Ihr eine kostenlose Erstberatung im Rahmen des Förderprogramms Nachhaltig Wirken direkt auf unserer Website buchen: https://platformcoop.de/



