Ein Gespräch mit Cléo Mieulet über Selbstermächtigung, Kreislaufwirtschaft und neue Formen des gemeinsamen Wirtschaftens
Hier könnt Ihr das Gespräch als Podcast anhören:
Und hier die wichtigsten Themen aus dem Gespräch mit Cléo im Überblick:
„Das ist wirklich meine innere Antriebsfeder: Verbindungen herstellen – und Kommunikation so rüberzubringen, dass sie möglichst viele Menschen zusammenbringt.“ Wenn Cléo Mieulet über ihre Arbeit spricht, wird schnell klar: Hier geht es nicht um ein einzelnes Projekt, sondern um ein grundsätzlich anderes Verständnis von Stadt, Wirtschaft und Zusammenleben. Die deutsch-französische Aktivistin, Forscherin und ehemalige Schauspielerin bewegt sich bewusst zwischen Disziplinen. Kunst, Politik, Ökonomie und Nachbarschaft. Für sie sind das gleichwertige Teile eines gemeinsamen Prozesses.
Lernen aus der Knappheit
Ein zentraler Ausgangspunkt ihrer Arbeit liegt in der eigenen Biografie. „Ich habe am meisten gelernt, als ich drei Kinder allein großgezogen habe. Das hat mich im Improvisationstalent geschult und darin, schwere Monatsenden irgendwie zu überwinden.“ Aus dieser Erfahrung entsteht ein anderes Verständnis von Wirtschaft: eines, das nicht primär auf Geld basiert, sondern auf Beziehungen, Kreativität und gegenseitiger Unterstützung. „Du hast die Ressource Geld nur in sehr geringem Maße und musst deinen Erfindungsgeist einsetzen, um das auszugleichen.“ Diese Erfahrung prägt bis heute ihr Denken: Wirtschaft ist nicht nur das, was an den Weltmärkten passiert. Wirtschaft ist auch soziale Praxis.
Ende des Monats, Ende der Welt – gleicher Kampf
Cleo verbindet soziale und ökologische Fragen radikal miteinander.„End of the Month, End of the World, Same Struggle.“ Für sie ist klar: Transformation kann nur gelingen, wenn sie soziale Ungleichheit addressiert. „Die Menschen wollen ökologische Transformation – aber sie wollen, dass sie fair verteilt wird.“ Das bedeutet auch, Konflikte nicht zu vermeiden: „Es nützt nichts, Machtverhältnisse nicht zu benennen.“ Auch Konflikte müssen nicht immer etwas Trennendes sein. Manchmal lohnt es sich nämlich, Konflikte auszuhalten, weil erst dadurch echte Kooperation entstehen kann.
Vom Aktivismus zur Ökonomie
Ein entscheidender Perspektivwechsel setzte bei Cléo ein, als sie merkte, dass politischer Aktivismus allein nicht ausreicht: „Ich habe meinen Aktivismus begonnen in dem Glauben, ich handle politisch. Und dann habe ich gemerkt: Das Wichtigste lasse ich aus – nämlich die Wirtschaft.“ Heute versteht sie wirtschaftliches Handeln selbst als politischen Akt: „Wenn wir unser demokratisches Verständnis erweitern und sagen: Auch wirtschaftliches Handeln ist politisch – dann wird es spannend.“
Aktivismus als Orchesterarbeit
Ein Schlüsselmoment war ein Projekt in ihrer Nachbarschaft:„Wir konnten 50 Parkplätze entsiegeln, die jetzt Community-Gärten sind.“ Was Cléo daraus gelernt hat: „Aktivismus ist Orchesterarbeit – ein Zusammenspiel von Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten.“ Kooperation ist hierbei entscheidend: „Im Konzert zusammen agieren – das ist der Punkt.“
Der „Kreisler“: Reparaturen und Beziehungen
Ihr bekanntestes Projekt ist der „Kreisler“ in der Berliner Gropiusstadt: ein Nachbarschaftsort rund um Reparatur, Teilen und gemeinsames Wirtschaften. Was dort passiert, geht weit über Nachhaltigkeit hinaus: „Da treffen verrentete Menschen mit guter Rente auf migrantisierte Personen, mit denen sie sonst nie sprechen würden.“ Und dann passiert etwas Unerwartetes: „Nach ein paar Minuten ist das Misstrauen weg, weil man gemeinsam schraubt.“
Der Effekt ist tiefgreifend: „Differenzen treten durch das gemeinsame Tun in den Hintergrund. Und das macht die Menschen glücklich – wirklich glücklich.“
Niedrigschwellig statt moralisch
Ein zentraler Erfolgsfaktor des Kreisler ist die gekonnte Nutzung von Sprache und Design. “Runter von diesem sprachlich hohen Ross – rein in die Menge.“ Im Kreisler wird bewusst auf Begriffe wie „Nachhaltigkeit“ verzichtet: „Wir sagen: Teilen, treffen, reparieren – nicht Kreislaufwirtschaft. Damit erreichen wir die Menschen direkt.“ Auch auf visueller Ebene: keine moralische Ästhetik, sondern Alltagsnähe. Hier wird Nachhaltigkeit nicht gepredigt, sondern ganz praktisch gelebt.
Eine andere Form von Wirtschaft
Der Kreisler ist nicht nur ein sozialer Ort, sondern auch ein ökonomisches Modell: Geräte werden repariert statt neu gekauft, Dinge werden geteilt und weitergegeben, Mitgliedschaften sind einkommensabhängig. Die Wirkung ist messbar: „In einem Jahr haben wir den Leuten 90.000 Euro Neukäufe erspart.“ Und darüber hinaus wurden noch ein paar Tonnen Elektroschrott und etwa 40 Tonnen CO₂ eingespart. Ein Erfolg, der sich sehen lassen kann. Mehr zum ersten Wirkungsbericht des Kreisler findet ihr hier: https://kreisler.berlin/unser-erster-wirkungsbericht-ist-da/
Warum solche Orte selten sind
Trotz des Erfolgs bleiben solche Projekte Ausnahmefälle. Ein Grund liegt in strukturelle Hürden. Es gibt keine standardisierten Verträge zwischen Kommunen und Zivilgesellschaft. Man muss immer das Rad neu erfinden.“ Cléo berichtet von Beispielen aus Frankreich, wo es möglich ist, Mietverträge beispielsweise auch mit Zusammenschlüssen aus Personen der Zivilgesellschaft abzuschließen. Durch solche strukturellen Hacks ist einfach viel mehr möglich. Bitte mehr davon auch hier in Deutschland!
Ein anderer Grund liegt in der Förderlogik. „Warum fördern wir individuelles Verhalten kurzfristig statt Infrastruktur aufzubauen, die langfristig wirkt?“
Cléos Forderung ist klar: Mehr Unterstützung für dauerhafte, gemeinschaftlich getragene Orte.
Skalierung: Social Franchise
Die Idee ist längst größer als ein einzelner Ort:„Eigentlich braucht jede Nachbarschaft so einen Kreislaufort.“ Cleo spricht von „Social Franchise“:„Was McDonald’s im Schlechten macht, können wir im Guten machen.“ Ein Netzwerk vieler Orte könnte enorme Wirkung entfalten: „Small is beautiful – but small is also fragile.“ Sprich: durch strategische Vernetzung werden kleine Player stärker und entfalten gemeinsam mehr Kraft.
Die Zukunft: Wir gestalten unsere Lebensrealität
Trotz aller Erfolge bleibt vieles experimentell: „Es ist ein Abenteuer. Der Ausgang ist ungewiss.“ Doch genau darin liegt auch die Stärke: „Wir transformieren Dinge und können sie dann erleben.“ Und vielleicht ist das die eigentliche Vision: Eine Stadt, in der Menschen nicht nur Konsument:innen sind, sondern aktive Gestalter:innen ihrer eigenen Lebensrealität.
Quellen:
Wirkungsbericht Kreisler
Der Kreisler Reparatur-und Leihladen von der Nachbarschaft für die Nachbarschaft
Sorgezentren



