Seit dem ChatGPT-Moment im Herbst 2022 ist klar: Künstliche Intelligenz ist keine weitere inkrementelle Technologie, sondern eine neue Basisschicht der digitalen Ökonomie. Hyperscaler bauen Datencenter von bislang unvorstellbarer Größenordnung, verschlingen Energie, Kapital und Daten in industriellem Maßstab. Parallel dazu überschlagen sich die Produktzyklen: neue Foundation Models, spezialisierte LLMs, multimodale Systeme – und zunehmend autonome AI Agents, die nicht nur antworten, sondern handeln, entscheiden und Ressourcen allokieren.
Für kooperative und gemeinwohlorientierte Ökonomien ist das eine doppelte Herausforderung. Einerseits eröffnet AI enorme Produktivitätsgewinne – auch für kleine Organisationen, Netzwerke und Genossenschaften. Andererseits droht genau diese Technologie die bestehende Machtkonzentration weiter zu verschärfen, wenn Infrastruktur, Daten und Kapital ausschließlich in privaten, proprietären Systemen gebündelt werden.
Bei Platform Coops eG arbeiten wir seit Jahren an der Frage, wie digitale Infrastruktur so gestaltet werden kann, dass sie Kooperation stärkt statt sie zu untergraben. Wir betreiben eigene Daten- und Wissensinfrastrukturen, experimentieren mit AI-gestützten Workflows und waren deshalb im November 2025 auch auf der Cooperative AI Conference in Istanbul vertreten. Dieses Mal jedoch mit einem zusätzlichen Fokus: kooperative Stablecoins und ein in sich tragfähiges Finanz-Ökosystem als Antwort auf strukturelle Defizite der Förder- und Finanzierungslandschaft in Deutschland und Europa – und als notwendige Ergänzung zu einer AI-getriebenen Wirtschaft.

Denn während sich die globale Stablecoin-Landschaft klar um den US-Dollar dreht, flankiert durch regulatorische Vorstöße wie den GENIUS Act und die Tokenisierung von US-Treasuries, stellt sich für Europa eine strategische Frage: Wollen wir digitale Wirtschaft lediglich konsumieren – oder selbst gestalten? Euro-denominierte Stablecoins sind kein Nischenthema, sondern ein geopolitisches und ökonomisches Infrastrukturthema. Und für kooperative Ökonomien sind sie mehr als ein Zahlungsinstrument: Sie sind ein Hebel zur kollektiven Selbstfinanzierung.
In der Metapher eines digitalen Organismus lässt sich diese Zusammenführung gut beschreiben:
Daten sind das Blut, das durch alle Systeme fließt.
AI ist das Gehirn, das Muster erkennt, Entscheidungen vorbereitet und Strategien ableitet.
Plattformen sind die Muskeln, die Arbeit verrichten, Services erbringen und Wertschöpfung umsetzen.
Was dabei oft fehlt, ist das verbindende Element: das Nervensystem. In digitalen Ökonomien übernehmen genau diese Rolle Kryptowährungen und digitale Währungen. Sie routen Signale, koordinieren Entscheidungen zwischen autonomen Akteuren – menschlichen wie maschinellen – und übersetzen Intelligenz in Handlung. Ohne ein solches Nervensystem bleibt AI entweder isoliert oder vollständig abhängig von bestehenden Bank- und Plattformstrukturen.
Aus dieser Perspektive wird deutlich: AI und digitale Währungen sind keine getrennten Technologien, sondern wechselseitig voneinander abhängig. Und genau hier liegt die Chance für kooperative Infrastrukturen.
Aus unserer Beratungs- und Innovationsarbeit mit Genossenschaften, Plattformkooperativen und sozialen Unternehmen hat sich ein klarer Dreiklang herauskristallisiert, wie eine kooperative Ökonomie praktisch aufgebaut werden kann.
Der erste Schritt ist banal und zugleich hochwirksam: gemeinsames Beschaffen und Bündeln von Nachfrage. Ob Freelancer-Genossenschaft, Energie-Community oder kooperativer Supermarkt – dort, wo kollektive Nachfrage sichtbar wird, entstehen bessere Preise, stabilere Zugänge und geringere Abhängigkeiten. Geld bleibt im eigenen Ökosystem und zirkuliert zwischen Mitgliedern statt abzuwandern.
Der zweite Schritt geht tiefer: Finanzinstrumente gehören in die Hände der Community. Mitgliedsanteile, Peer-to-Peer-Kredite, Crowdfunding oder Mutualitätsfonds ersetzen nicht einfach Banken, sondern verschieben die Logik: Mitglieder finanzieren Mitglieder. Kapital wird nicht extrahiert, sondern relational gebunden – an reale Bedürfnisse, Projekte und langfristige Zusammenarbeit.
Der dritte Schritt ist der radikalste – und zugleich der konsequenteste: die Schaffung eigener digitaler Währungen in Form kooperativer Stablecoins. Hier entsteht etwas qualitativ Neues: Wert verbleibt nicht nur im System, sondern generiert zusätzliche Dividenden für das kooperative Ökosystem selbst. Finanzierung wird zur Koordinationsleistung, nicht zur Renditemaschine externer Investoren.
Sobald wir über Stablecoins sprechen, betreten wir das Terrain der Krypto-Ökonomie – und damit auch die Schnittstelle zur AI. Digitale Währungen lassen sich grob in drei Kategorien einteilen: fiat-gedeckte Stablecoins wie EURe (Monerium) oder BREAD (Breadchain Cooperative), komplementäre digitale Währungen wie CRC (Circles) sowie Vermögenswerte wie BTC (Bitcoin) oder ETH (Ether). Ergänzt werden sie durch Liquiditätspools, die Ein- und Ausstieg ermöglichen, Wechselkurse bereitstellen und Kapitalflüsse ausbalancieren. Hinzu kommen Governance-Token, die funktional Mitgliedsanteilen ähneln, in der Praxis bisher aber oft undemokratisch ausgestaltet sind – ein Punkt, der für kooperative Designs zentral ist, weil hier zukünftig „one member, one vote“ gelten soll.

Auf der anderen Seite stehen AI Agents. Diese werden keine Bankkonten eröffnen, keine Bürozeiten einhalten und keine manuellen Freigaben abwarten. Sie benötigen rund um die Uhr Zugang zu Finanzinfrastruktur: um für Aufgaben bezahlt zu werden, Rechenleistung einzukaufen, mit anderen Agents oder Menschen zu kooperieren und selbst Kapital zu verwalten. Kurz: AI Agents sind ökonomische Akteure – aber nur, wenn es eine dafür geeignete Infrastruktur gibt.
Ein konkretes Beispiel dafür liefert ARMA (Giza Tech): ein autonomer Rendite-Optimierungs-Agent für Stablecoins, der kontinuierlich Lending-Protokolle überwacht und Kapital ohne zentrale Entitäten umschichtet, um Renditen zu maximieren. ARMA steht exemplarisch für das, was oft als Agentic DeFi bezeichnet wird: Kapitalallokation wird nicht mehr manuell gesteuert, sondern semantisch abstrahiert, autorisiert und dezentral ausgeführt. Genau diese Logik ist für kooperative Finanzsysteme hoch relevant – wenn die Zielparameter nicht maximale Extraktion, sondern kollektiver Nutzen sind.

Hier schließt sich der Kreis: Kooperative Stablecoins in Kombination mit AI Agents ermöglichen es erstmals, zusätzliche Dividenden für kooperative Ökosysteme automatisiert zu erwirtschaften und zu verteilen. Agents arbeiten nicht für Venture-Kapital oder Plattformmonopole, sondern im Interesse klar definierter Stakeholder – eingebettet in demokratische Governance-Strukturen.
Unsere Diskussionen auf der Konferenz haben gezeigt, wie groß die Lücke aktuell noch ist. Kooperative AI-Infrastruktur scheitert oft an Investitionsvolumina und Skalennachteilen gegenüber den Hyperscalern. Gleichzeitig wurde deutlich: Blockchains bieten einen realistischen Hebel, um AI-Kräfte zu kanalisieren, zu begrenzen und in gestaltbare Wirtschaftsräume umzulenken. Der Gedanke eines kooperativen Stablecoins als Nervensystem für AI traf auf große Resonanz, gerade weil er nicht abstrakt bleibt, sondern einen konkreten Pfad aufzeigt. Entsprechend häufig war die Frage: Wie können wir uns beteiligen?
Das führt zum Kern des Themas. Wenn wir eine kooperative Wirtschaft aufbauen wollen, die ihren Stakeholdern dient und zugleich resilient gegenüber externen Schocks ist, müssen wir Technologie nicht nur akzeptieren, sondern aktiv aneignen. Nicht jede Lösung, die effizient ist, ist auch sinnvoll. Aber jede sinnvolle Lösung wird in Zukunft technisch vermittelt sein.
Gerade deshalb ist diese Infrastruktur mehr als ein Finanzexperiment. Sie ist eine Voraussetzung dafür, AI im Zaum zu halten, indem sie nur innerhalb der von uns gestalteten Systeme agieren kann. Kooperative Stablecoins sind damit nicht nur ein Werkzeug für SIGUs und die Genossenschaftsbewegung, sondern ein mögliches Reallabor für Europa: eine Blaupause für eine digitale Wirtschaft, die sich bewusst von US-Dominanz emanzipiert – nicht durch Abschottung, sondern durch eigenes Design.
Wer Kapital neu verdrahten will, muss verstehen: Die nächste Ökonomie wird nicht nur intelligenter, sondern politischer. Die Frage ist nicht, ob AI und digitale Währungen kommen – sondern wem sie dienen.
Dieses Event wird gefördert von dem Programm „Nachhaltig Wirken – Förderung gemeinwohlorientierter Unternehmen“ durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfond Plus.
This event is funded by the program “Nachhaltig Wirken – Funding for Public-Benefit-Oriented Enterprises” by the German Federal Ministry for Economic Affairs and Energy and the European Union through the European Social Fund Plus (ESF Plus).



