Vom Goldrausch-Mythos zum kooperativen Ökosystem

Vom Goldrausch-Mythos zum kooperativen Ökosystem

März 4, 2020 Unkategorisiert 0

von Ela Kagel

Auf einem Schaubild der Beratungsfirma Accenture ist die kalifornische Sicht auf das Leben eines Entrepreneurs abgebildet: ein junger Mann (natürlich ist es ein Mann!) kämpft sich jahrelang mühsam nach oben, von diversen Böen und Winden beflügelt, die Namen haben wie “Mentors”, “Angels” oder “Venture Capital”. Sie helfen dem einsamen Startup-Kämpfer nach oben auf den Gipfel, wo ein Schild mit der Aufschrift “Corporate Success” winkt. Daneben steht ein großer, mächtiger Mann, der Goldmünzen um sich wirft, flankiert von einem Schriftzug “Exit”.

So simpel, so märchenhaft ist unser Blick auf die moderne Welt des Silicon Valley-Unternehmertums: Wenn der Held sich lang genug abmüht, wird er die Goldmine finden. In diesem Bild liegen alle wesentlichen Komponenten unseres heutigen Wirtschaftssystems. Es können sich nur jene auf die unternehmerische Reise machen, die von vornherein privilegiert sind oder auf andere Weise von den Vorteilen des Systems profitieren. Den Weg nach oben zu gehen heißt die Regeln einzuhalten, mitzuspielen, aber sich auch abzuschotten vom äußeren Umfeld. Was mit dem Helden passiert, wie es ihm am Ende geht, ist unwichtig. Er wird zum bloßen Instrument des Goldrausches, zum Selbstzweck des ökonomischen Gewinns.

Dieser isolierte Blick ist charakteristisch für unsere spätkapitalistische Zeit. Es wird nicht gefragt, was passiert, wenn die Dinge außer Kontrolle geraten. Es tauchen keine Pannen in der Matrix des Konsumzyklus auf, keine Folgen des Klimawandels und keine Auswirkungen der steigenden sozialen Ungerechtigkeit. Am Ende ist alles nur eine Frage des Prozessdesigns. 

Interessant ist nur, dass der Goldrausch-Mythos noch immer für Innovation steht.

Wie kann wirtschaftliche Innovation heute anders gedacht werden? 

Weltweit haben sich Aktivist*innen und Unternehmer*innen auf den Weg gemacht, um eine faire, inklusive Vorstellung von Wirtschaft zu entwickeln. Manche dieser Gegenentwürfe sind aus der schieren Not entstanden, wie beispielsweise Näherinnen-Kooperativen in Indien, kommunale Gärten in Indonesien oder genossenschaftliche Unternehmensnachfolgen in verlassenen ländlichen Räumen Italiens. Andere wollen den Monopolisten der Plattform-Ökonomie trotzig die Stirn bieten, so etwa der deutsche Online-Marktplatz Fairmondo oder die Musik Streaming-Genossenschaft Resonate.

Was alle diese Projekte eint: sie gehen von zwei Prinzipien aus, die das wirtschaftliche Handeln vollkommen neu ausrichten, nämlich Eigentum und Mitbestimmung. Das bedeutet, dass diese kooperativen Unternehmen von einer Vielzahl von Menschen in Besitz gehalten werden, die sich miteinander um das Geschäftsmodell kümmern und Entscheidungen gemeinsam treffen. Viele dieser neu entstehenden Betriebe sind nicht einfach nur Genossenschaften im klassischen Sinne, sondern Vorreiter einer kooperativen, digitalen Ökonomie. 

Im Rahmen dieses Projektes soll das Paradigma des Marktes neu gedacht und der Eigentumsbegriff ins Zentrum der Überlegungen gestellt werden. Können wir uns einen Markt vorstellen, in dem die traditionelle Beziehung zwischen Käufern und Unternehmen komplett aufgehoben wäre? Wo das, was wir heute als Markt kennen, ein Ökosystem aus kooperativen Unternehmen wäre, die ihren Mitgliedern gehören und allesamt von einem zentralen Community Management verwaltet würden? Wo die treibende Kraft für die Herstellung von Waren allein von den Bedürfnissen von Menschen und Umwelt käme? Wo Verdrängung kein Thema wäre, weil sich der Wert des Ökosystems über die Verbindung seiner Knotenpunkte definieren würde?

Was für manche nach sozialer Utopie klingen mag, ist bei näherem Hinsehen eine logische Konsequenz aus der Erkenntnis, dass wir Wirtschaft neu denken müssen. Die Helden von morgen jagen nicht mehr dem Gold hinterher, sondern ermöglichen Teilhabe und Mitbestimmung. Und dass die Geschichte mit einem “Exit” enden soll begeistert dann hoffentlich auch niemanden mehr…

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